Geschichte der Pfarrkirche St. Martin Rheinbach

Geschichte der Pfarrkirche St. Martin Rheinbach

Die im Jahre 943 erstmals urkundlich erwähnte Rheinbacher Pfarrkirche St. Martin stand auf dem Gelände des alten Friedhofes am heutigen Ölmühlenweg. Dieses Gotteshaus befand sich im Besitz des fränkischen Hochadels und war dem hl. Martin von Tours, dem Schutzherren des merowingischen Königshauses, geweiht. Beides stützt die Vermutung, dass die Anfänge dieser Kirche vermutlich schon im 5. oder 6. Jahrhundert zu suchen sind.

 

Vom Blitz getroffen brannte die Pfarrkirche am Abend des 16. Februar 1789 bis auf ihre Grundmauern ab. Sie wurde nicht wieder aufgebaut. Mit Zustimmung des Münstereifeler Stiftskapitels als Patronats- und Zehntherren übertrugen die Rheinbacher Bürger schon im Frühjahr 1789 das Pfarrpatrozinium auf die innerhalb der Stadtmauern gelegene Filialkirche, die damit zur Pfarrkirche erhoben wurde.

 

Die Errichtung einer innerstädtischen Kapelle, die der Jungfrau Maria und dem hl. Georg geweiht war, fällt in die Zeit der Vollendung der Stadtbefestigung zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Sie ermöglichte der Rheinbacher Bürgerschaft den Gottesdienstbesuch, ohne dafür den schützenden Ring der Stadtmauern verlassen zu müssen. Die friedlosen Zeiten, aber wohl auch die Bequemlichkeit der Bürgerschaft, ließen die Kapelle gegenüber der Mutterkirche auf dem St. Martin Friedhof so stark an Bedeutung gewinnen, dass vermutlich schon Mitte des 15. Jahrhunderts die Erweiterung zu einer geräumigeren Filialkirche erfolgte. Mit Beginn des 17. Jahrhunderts wurden in dieser Stadtkirche schließlich alle liturgischen Dienste verrichtet, das Allerheiligste aufbewahrt und die Sakramente gespendet. In der Pfarrkirche auf dem St. Martin Friedhof wurde zu dieser Zeit noch die freitägliche Stiftsmesse gehalten und die Kirche diente noch als Prozessionsziel und für Begräbnisgottesdienste.

 

Während der andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen und den zahlreichen Feuersbrünsten in Rheinbach wurde die Filialkirche zwischen 1468 und 1686 mehrfach verwüstet, beschädigt oder vernichtet. Bei der Erstürmung Rheinbachs durch holländische Truppen im Jahr 1673 blieb das Zerstörungswerk nicht auf das Kirchengebäude beschränkt. Der damalige Vikar Johannes Stotzheim wurde von den Soldaten am Altar erschlagen. Nach dem Stadtbrand vom 30. März 1686, dem die Stadtkirche völlig zum Opfer fiel und den nur 35 Rheinbacher Häuser und „kleine Köttlein“ überstanden, wurde die Kirche als dreischiffige Anlage in spätgotischer Form mit vorgelagertem Westturm und zwei polygonalen Chören wieder aufgebaut. Die Länge des Kirchenraumes von West nach Ost betrug 21,4 m; die Breite 18 m. Der Haupteingang befand sich an der Straßenseite. Der Innenraum der Kirche hatte eine Nutzfläche von etwa 280 qm.

 

Nach der Besetzung des Rheinlandes durch die kirchenfeindliche französische Revolutionsarmee musste auch in Rheinbach das Kreuz vom Kirchturm abgenommen werden und das Gotteshaus wurde durch ein kurioses Spektakel entweiht. Auf dem zum „Altar des Vaterlandes“ gewordenen Hochaltar wurde 1798 eine junge Frau zu den Klängen der Marseillaise, bei Tanz und Branntweingenuss, zur „Göttin der Vernunft“ erhoben. Die Pfarrkirche wurde nun als öffentliche Versammlungsstätte genutzt. An Stelle des sonntäglichen Gottesdienstes veranstalteten die neuen Herrscher ihre propagandistischen „Dekadenkundgebungen“, die mit dem Läuten der Kirchenglocken und dem Orgelspiel untermalt wurden. Erst mit dem von Napoleon mit dem Heiligen Stuhl am 15. Juli 1801 geschlossenen Konkordat trat auch in Rheinbach wieder eine allgemeine Beruhigung in den kirchlichen Verhältnissen ein.

 

Die nach dem Stadtbrand von 1686 wiederaufgebaute Stadtkirche wurde vermutlich bis zum Jahre 1904 baulich nicht wesentlich verändert. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts werden in der mittlerweile auf etwa 2.000 Seelen angewachsenen Pfarrgemeinde ernsthafte Überlegungen für einen Ausbau der Pfarrkirche angestellt. Der 1887 in Rheinbach eingeführte Pfarrer Laurenz Wendland unterstütze diese Bestrebungen. Die Planungsentwürfe des 1895 verstorbenen Bonner Baumeisters Franz Langenberg gelangten aber erst durch den ebenfalls in Bonn ansässigen Baumeister Rüppel zur Reife. Die Grundsteinlegung am 24. April 1904 die nun Dechant Dr. Sasse feierlich vorgenommen hatte, durfte Dechant Wendland nicht mehr erleben.

 

Entgegen der kirchlichen Bautradition erfolgte die Erweiterung statt in der Ost-West-Achse nun nach Norden. Somit konnten sowohl der Westturm als auch die alte Kirche weitgehend erhalten bleiben. Gleichwohl mussten für die Kirchenerweiterung, die in ihrer Ausdehnung in etwa der heutigen Pfarrkirche entsprach, drei Hausgrundstücke, darunter die alte Schule, erworben und abgerissen werden. Ein gutes Jahr später, am 11. Mai 1905, wurde das vergrößerte Gotteshaus eingesegnet und am 11. Juni 1906 durch Weihbischof Dr. Müller geweiht und seiner Bestimmung übergeben.

 

Die in spätgotischer Form erweiterte und neu möblierte Martinskirche bot mit 42 m Länge, 20 m Breite und 13 m Höhe der Gemeinde mit etwa 600 qm mehr als doppelt soviel Raum wie die alte Kirche. 450 Sitzplätze für Erwachsene und 335 für Kinder wurden geschaffen. Anfang September 1913 wurde mit der Aufstockung des nach der Erweiterung unproportioniert klein wirkenden Kirchturms der Um- und Erweiterungsbau abgeschlossen.

 

Die ab Herbst 1944 einsetzenden Bombenangriffe auf Rheinbach und auch noch den verheerenden Angriff auf Rheinbach am 29. Januar 1945, bei dem 101 Rheinbacher Bürger ihr Leben verloren, hatte die Martinskirche ohne größere Schäden überstanden. Bei einem Tieffliegerangriff am Sonntag, dem 25. Februar 1945, erfolgte die erste große Beschädigung. Dachstuhl und das Gewölbe über dem östlichen Seitenaltar wurden zerrissen. Am 5. März 1945, ein Tag vor dem Einmarsch der alliierten Streitkräfte in Rheinbach, kam das Ende: Bei diesem letzten Fliegerangriff auf Rheinbach erhielt die Kirche mehrere Bombentreffer und sank – bis auf den charakteristischen Kirchturm, in Schutt und Trümmer. Unter Lebensgefahr rettete Dechant Jakob Bertram, seit 1931 Pfarrer in Rheinbach, aus dem Tabernakel das Allerheiligste. Von dem Wenigen, das aus dem Schutt noch geborgen werden konnte, ziert noch heute der Tabernakel des neugotischen Hochaltars den östlichen Seitenaltar der wieder errichteten Pfarrkirche.

 

Bald nach Kriegsende begann die Herrichtung des Bauplatzes für den Wiederaufbau der zerstörten Kirche. Der Neubau, mit dem im Sommer 1948 begonnen wurde, beruht auf den Entwürfen des Bonner Architekten Toni Kleefisch. Am 5. September 1948 legte Dechant Bertram ohne besondere Festlichkeiten den Grundstein. Nach einer Rekordbauzeit von nur 14 Monaten, konnte am 17. September 1949 Richtfest gefeiert werden. Nachdem in der Morgenfrühe des Christi-Himmelfahrtstages 1950 (18. Mai) Dechant Bertram der Kirche mit bischöflicher Vollmacht eine vorläufige Weihe gegeben hatte, wurde das an alter Stelle wieder errichtete Gotteshaus mit der Erstkommunion von 36 Mädchen und 30 Jungen seiner Bestimmung übergeben.

 

In ihren schlichten Bauformen der heutigen Zeit angepasst, nimmt die Nachkriegskirche in vielen Punkten die Konzeption des Vorgängerbaus auf. Der Chorraum befindet sich im Norden und schließt eine dreischiffige Kirche ab, deren Mittelschiff etwa die Höhe des zerstörten Bauwerkes aufweist. Die ursprüngliche Kirche ist durch die heutige Taufkapelle markiert und man mag auch in der Eingangshalle entlang der Hauptstraße das straßenseitige Südschiff der Kirche aus dem 17. Jahrhundert erkennen. Auch das Fassungsvermögen der Kirche entspricht dem ihres Vorgängerbauwerks.

 

Im Sommer 1953 wurde die Kirchenausstattung durch eine Klais-Orgel und ein schlicht-modernes neues Taufbecken ergänzt. Dies war durch eine großzügige Spende des mittlerweile nahe Jülich im Ruhestand lebenden Dechant Bertram möglich geworden.

Mitte der 60er Jahre setzte Dechant Martin Becker, von 1964 bis 1972 Pfarrer in Rheinbach, dem Kirchenprovisorium ein Ende. Er nutzte die liturgischen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Umgestaltung des Gotteshauses. Hochaltar, Kommunionbank und Kanzel wurden abgerissen. Die ärmliche Nachkriegsausstattung wurde durch neue Möbel, kunstvolle Kirchenfenster und pachtvolle Kristalllüster ersetzt. Durch die Verbindung des Altarsteins mit den Grundmauern war die Voraussetzung für die endgültige Kirchweihe geschaffen. Am 10. November 1968 - 18 Jahre nach dem ersten Gottesdienst in der wieder aufgebauten Kirche - konsekrierte Bischof Vitus Chang die Pfarrkirche Sankt Martin.

 

Dechant Pater Josef Königer, Pfarrer von 1975 bis 1991, veranlasste 1983 eine größere Renovierung, die durch den Einbau der neuen Rieger-Orgel verursacht worden war. Unter der Leitung des Rheinbacher Architekten Georg Spevacek wurde die Orgelempore abgesenkt und statisch verstärkt. Gleichzeitig wurde die vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammende Kreuzigungsgruppe aus der Taufkapelle an die Stirnwand des Chores verlegt. Ein neuer Tabernakel wurde an der Chorwand wieder in die Kirchenachse gestellt, die Ausstattung des Chorraumes vereinheitlich und neben einem Innenanstrich die Deckenbemalung angebracht.

 

1985 folgte eine Grundsanierung des Kirchturms und der Einbau einer neuen Turmuhr. Mit dem Einbau des von dem Kölner Bildhauer Wolfgang Reuter angefertigten Kreuzweges im Jahr 1991 fand die Baugeschichte der Pfarrkirche Sankt Martin zu Rheinbach ihren einstweiligen Abschluss.

 

(Quellen: Siegfried Schmidt und Hans Orth: Geschichte der Pfarrkirche St. Martin zu Rheinbach, 1991/92. Leo Wiszniewsky: Pfarrkirche St. Martin Rheinbach, 1998.)

 

Verfasser: Hans Orth, Rheinbach